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ODESSA:
DIE WAHRE GESCHICHTE

Fluchthilfe für NS-Kriegsverbrecher

DEUTSCHLANDFUNK
13.05.2005

Podium 13.05. „Die Nazis in Argentinien“ von Francisca Zecher

Anmod.Vorschlag:

Am vergangenen Wochenende gedachten die Deutschen dem 60. Jahrestag der Befreiung vom Nationalsozialismus. Für viele begann damals mit der Ankunft der Alliierten ein neues Leben in Frieden. Doch während weite Teile der Bevölkerung froh waren die Nationalsozialisten los zu sein, mussen diese nun wiederum um ihr Leben fürchten. In den Wirren der Nachkriegszeit versuchten viele sich ins Ausland abzusetzen. Mit zum Teil sehr viel Erfolg. Sehr viele der nationalsozialistischen Verbrecher flüchteten dabei nach Argentinien. Warum aber fanden sie gerade an dem südamerikanischen Land so viel Gefallen? Francisca Zecher ist nach Argentinien gefahren, um dieser Frage auf den Grund zu gehen.

Text:
Bella Vista ein Vorort von Buenos Aires. Hier lebt Wilfried von Oven, einer von knapp 200 Nationalsozialisten, die sich nach dem Krieg nach Argentinien abgesetzt haben.
Atmo: Vorstadt: Klingeln, Türöffnen
Hausmädchen O-Ton: Lo siento, el señor Wilfrido no se encuentra.

Wilfried von Oven ist mit über 90 Jahren an Alzheimer erkrankt und für niemanden mehr zu sprechen. Wenn die Zeitzeugen selbst nicht mehr erzählen können, warum sie ausgerechnet nach Argentinien geflohen sind, dann führt der nächste Weg zu Uki Goni.
Atmo: Taxifahrt (darunter ziehen)
Der argentinische Journalist forscht seit Jahren über die National-sozialisten in seinem Heimatland. Das Thema war lange Zeit pikant: General Juan Domingo Peron, der Argentinien zwischen 1946 und 1974 mit Unterbrechung regierte, war ein großer Anhänger der italienischen Faschismus von Mussolini und stand auch dem deutschen Nationalsozialismus sehr nahe. Mit übergeschlagenen Beinen sitzt Uki Goni auf dem Sofa seines Wohnzimmers in Buenos Aires und erzählt, wie sehr damals auch die argentinische Bevölkerung vom faschistischen Gedankengut angetan war. Grund genug für die deutschen Altnazis, sich einigermaßen wohl zu fühlen.

O-Ton Uki: Ich habe entdeckt, dass sie in Wirklichkeit hierher gekommen sind, weil sie eine gleiche Wellenlänge fühlten mit den nationalistischen Elementen innerhalb des argentinischen Staates Die Nazis nahmen in Argentinien ein ähnliches Gefühl wie in Nazi-Deutschland wahr. Ich denke, sie sind her gekommen, weil es eine ideologische Beziehung gab.

Aber auch Peron hatte ein großes Interesse an den Deutschen. Der Präsident wollte sein dünn besiedeltes Land bevölkern. Und dabei nichts dem Zufall überlassen. Techniker, Ingenieure und Wissenschaftler sollten kommen um das Ansehen Argentiniens international zu steigern. Wer wäre da nicht williger gewesen als deutsche Nazis, die sich einer Verurteilung in ihrer Heimat entziehen wollten.

Atmo: Aufzug und offnen der Aufzugstür.
Ein paar Blocks von Uki Gonis Wohnung. Carlotta Jäkisch arbeitet im 20. Stock eines verspiegelten Hochhauses. Von ihrem Büro aus kann sie über ganz Buenos Aires hinweg bis zum Hafen sehen. Als Soziologin war sie Mitglied einer staatlichen Kommission, die Ende der 90er Jahre die Machenschaften der Nationalsozialisten in Argentinien aufklären sollte. Die Tochter von jüdisch-kommunistischen Immigranten ist überzeugt, dass so viele Nazis nach Argentinien kamen, weil es vorher schon eine große deutsche Gemeinschaft gab. Hier konnten sie arbeiten und leben, ohne groß aufzufallen. Sie mussten auch nicht fürchten angefeindet zu werden: Ein großer Teil der Deutschen in Argentinien hatte den nationalsozialistischen Aufstieg Deutschlands mit viel Wohlwollen verfolgt.

O-Ton3 Jäkisch: Dann gab es hier eine Schule in Missiones, die hieß Nationalsozialistische Schule. Die ganzen Clubs, da hing die Fotos von Hitler und es wurde gefeiert in den deutschen Schulen der Parteitag und die Bücher für die Schulen kamen aus Deutschland. Und da mussten die Kinder in den Schulen sagen, was der Führer alles für Deutschland gemacht hat.

Doch wie gelangten die Nationalsozialisten nach dem Krieg nach Argentinien? Immerhin hatten die Alliierten ein Ausreiseverbot über Deutschland verhängt, um es besser kontrollieren zu können. Mehr als 10.000 Kilometer von Argentinien entfernt in Köln, beschäftigt sich der Historiker Holger Meding mit dieser Frage. Ab 1947 konnten viele der Anhänger Hitlers illegal auswandern: und zwar mit Unterstützung des Roten Kreuzes und der Katholischen Kirche.

O-Ton4: Meding: Die KK hat vielfach auch Hilfe geleistet, wobei man nicht sagen darf, dass es eine Hilfe gegenüber den Nazis war, sondern eine Flüchtlingshilfe im Allgemeinen und unter dieser Flüchtlingshilfe traf es dann auch die Nazis, die sich dieser Hilfe dann auch bedienten. Sie fanden Unterkunft in Klöstern oder anderen Stellen der katholischen Kirche und das RK war insofern beteiligt, als dass das RK eine Art Pass vergab und diese Pässe wurden von einigen Regierungen auch anerkannt und teilweise vergeben aufgrund defizitärer Angaben. Das hatte vor allem den Grund, dass währen des Krieges viele Dokumente verloren gegangen waren.

Dieses Geflecht gab vielen die Möglichkeit, die eigene Identität zu verschleiern. So konnte beispielsweise der Nazi-Arzt Josef Mengele unter falschem Namen in Argentinien einreisen. Während das Rote Kreuz und die Katholische Kirche eher unbeabsichtigt zu Fluchthelfern wurden, hatten andere Kreise ein regelrechtes Interesse, dass einige Nationalsozialisten Deutschland verließen.

O-Ton5: Meding: In der unmittelbaren Nachkriegszeit-Zeit hatten NS-Geheimdienste durchaus profitiert, dass sich ehemalige deutsche Geheimdienststellen angedient hatten. Und man hat gewisse Personen auch benutzt. Man hat die Kenntnisse dieser Leute beispielsweise über den Kommunismus benutzt, bis man dann schließlich nach einer Weile von einigen bestimmten Personen erfuhr, dass sie auf Fahndungslisten standen, bzw. dass es besser war sie aus den eigenen Diensten zu erntfernen. Damit das aber nicht sofort aktenkundig wurde, also zum Beispiel mit französischen Behörden in Konflikt kam, wurden diese Leute dann auf einen anderen Kontinent gebracht. Das geschah dann in geheimer Operation über die so genannten Rattenlinien.

Zurück nach Argentinien: Die meisten Alt-Nazis, denen in Deutschland eine Verurteilung drohte, begannen in Argentinien seelenruhig und unbehelligt ein neues Leben. Josef Mengele erhielt unter seinem echten Namen sogar einen Pass von der deutschen Botschaft in Buenos Aires. Damit reiste er später nach Europa. Für ihn wurde es in Argentinien erst gefährlich, als international nach ihm gefahndet wurde. Von da an war er auf der Flucht, gefasst wurde er nie. Er starb 1979 bei einem Badeunfall in Brasilien. Dass Mengele immer wieder entkommen konnte, wundert den argentinischen Journalisten Uki Goni nicht im Geringsten.

O-Ton7: Uki: Was Mengele betrifft, ja, es ist klar, dass er geschützt wurde. Er und 100 andere Kriegsverbrecher wurden von der argentinischen Regierung beschützt. Es gab Auslieferungsanträge und die verschwanden in Schubladen und es wurde niemand ausgeliefert.

Uki Goni macht dafür die mythen-umwitterte Organisation der ehemaligen SS-Angehörigen verantwortlich - kurz ODESSA.

O-Ton8: Es ist die These meines Buches, dass hier eine Organisation existiert, die von der argentinischen Regierung, dem Vatikan und ehemaligen SS-Angehörigen finanziert und unterstützt wurde, die die Flucht dieser Leute nach Argentinien und ihren Schutz organisierte. Und dieser Schutz funktioniert heute noch.

Dass, liege vor allem daran, dass sich in Argentinien niemand traue, die Alt-Nazis vor Gericht zu stellen und auszuweisen. So wurden bis heute nur wenige von ihnen zur Rechenschaft gezogen. Der ehemalige SS-Offizier Erich Priebke wurde wegen der Beteiligung an einem Massaker an italienischen Zivilisten an Italien ausgeliefert. Auch die Entführung des früheren SS-Sturmbannführers Adolf Eichmann, durch den israelischen Geheimdienst Mossad Anfang der 60er Jahre erregte Aufsehen. Zu wenig wie Uki Goni findet:

O-Ton9: Uki: Ich vermute, dass es noch mehr Kriegsverbrecher gibt, die immer noch in Argentinien leben und die ausgeliefert werden könnten. Aber jeder Tag wird es schwieriger, weil diese Personen 80 Jahre und älter sind. Deshalb ist es sehr schwierig sie auszuweisen.

Dass sich die argentinische Regierung in naher Zukunft mit dem Thema auseinandersetzen wird, ist kaum anzunehmen. Sie hat derzeit alle Hände voll zu tun mit den Folgen der Wirtschaftskrise.


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