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Mittwoch, 16.04.2003, Ausgabe-Nr. 89, Ressort Ausland

Argentinien, die Schweiz und die Nazis

Der argentinische Präsident Peron, die Schweiz und der Vatikan sollen sich um deutsche Kriegsverbrecher gekümmert haben

Ein Buch bringt Licht in ein dunkles Kapitel der argentinischen Geschichte: Der ehemalige Präsident Juan Domingo Peron hat nach dem Zweiten Weltkrieg im grossen Stil Nazis in sein Land geschleust. Schaltzentrale waren der Vatikan und die Schweiz.

• SANDRA WEISS, BUENOS AIRES

Einschüchterungen, verbrannte Archive, abwiegelnde Antworten unwilliger Zeitzeugen und ebenso unwilliger Behörden und eisernes Schweigen in der argentinischen Presse: Das waren die Reaktionen auf das Buch eines argentinisch-amerikanischen Journalisten, der ein Tabu bricht: In «La autentica Odessa» dokumentiert Uki Goni erstmals und nahezu lückenlos das Netz, das der argentinische Präsident Juan Domingo Peron (1946 1955) im Einvernehmen mit Schweizer Behörden und dem Vatikan aufgebaut hat, um Nazi-Kriegsverbrecher aus dem Nachkriegs-Deutschland herauszuschleusen. Für die Peronisten, die noch immer die Macht in Argentinien haben, ist das Buch eine Art Majestätsbeleidigung.

Ein Ableger in Bern

Minuziös dokumentiert der Autor in dem 401 Seiten umfassenden Werk, wie die direkt im argentinischen Präsidentenpalast angesiedelte Zelle unter Leitung des Deutsch-Argentiniers Rodolfo Freude operierte. Die Aktivitäten des Schweizer Ablegers in der Marktgasse 49 in Bern, in der die Operation nicht nur finanziell abgewickelt wurde, sondern auch Fluchtrouten ausgearbeitet und Nazis mit falschen Papieren versehen wurden, koordinierte der SS-Offizier Carlos Fuldner mit einem argentinischen Diplomatenpass versehen. Er operierte laut Goni mit Unterstützung des damaligen schweizerischen Justizministers Edouard von Steiger, Bundesrat von 1940 1951, und dem berüchtigten Polizeichef Heinrich Rothmund.

Dass die Nazis nicht vereinzelt und auf eigene Faust nach Argentinien kamen, wie viele Historiker im Einklang mit der offiziellen argentinischen Geschichtsschreibung bisher behaupteten, beweisen laut Goni etwa die aufeinander folgenden Nummern der Einwanderungsakten für Verbrecher wie Josef Mengele und Erich Priebke. Viele von ihnen wurden kaum in Argentinien angekommen und des Spanischen nicht mächtig von Peron empfangen.

Goni räumt auch mit dem Mythos auf, die argentinische Regierung sei nur an deutschen Technikern und Rüstungsexperten zum Aufbau der heimischen Kriegsmaschinerie interessiert gewesen. «Ich habe ohne grössere Anstrengungen in den Akten der Migrationsbehörde zweifelsfrei 300 Kriegsverbrecher identifziert», sagte er im Gespräch mit dieser Zeitung.

Die Verwicklung der katholischen Kirche und des Vatikans in die Operation belegt Goni ebenfalls auch wenn die Kirchenoberen kompromittierende Dokumente weiterhin unter Verschluss halten. Als das Simon-Wiesenthal-Zentrum in Buenos Aires aufgrund des Buches Aufzeichnungen zu einem Treffen des argentinischen Kardinals Antonio Caggiano mit einem Vertreter des Vatikans 1946 einsehen wollte, kam die ausweichende Antwort der argentinischen Bischofskonferenz, sie habe es damals noch nicht gegeben und niemand erinnere sich an so ein Treffen. «Wir hätten uns da schon ein wenig mehr Kooperationsbereitschaft erhofft», kritisiert Sergio Widder vom Wiesenthal-Zentrum.

Eine Kommission ohne Biss

Für einen kleinen politischen Skandal sorgte die Enthüllung Gonis, dass kompromittierende Akten der argentinischen Einwanderungsbehörde 1996 verbrannt wurden. Das war just ein Jahr, bevor die Regierung des damaligen Präsidenten Carlos Menem die Gründung einer Kommission zur Aufklärung der Nazi-Aktivitäten in Argentinien (Ceana) einrichtete. Drei Tage gehörte auch Goni der Kommission an, dann trat er zurück, «weil ich den Eindruck hatte, dass die einige Dinge gar nicht so genau wissen wollten».

Auch Widder sagt, die Kommission habe noch zahlreiche Fragen offen gelassen. Goni, dessen Vater in den 30er-Jahren argentinischer Botschafter in Wien war, wusste beispielsweise von einer Anweisung des Aussenministeriums aus dem Jahr 1938, asylsuchende Juden abzuweisen. Die Historikerin Beatriz Gurevich fand das besagte Dokument und wurde daraufhin von ihren Kollegen der Ceana-Kommission angegriffen. Weiterer Zugang zu Archiven wurde ihr verweigert. Das Wiesenthal-Zentrum beantragte auch von diesem Dokument eine Kopie beim Aussenministerium. Die Anfrage wurde bis heute nicht beantwortet.

Schlüsselfiguren wie Freude wurden niemals von der Kommission vorgeladen, obwohl diese dazu das Recht hatte. Freude, der damals auch Perons Geheimdienst aufbaute, lebt noch. Sein Büro ist in einem Büroturm im Herzen von Buenos Aires im gleichen Gebäude wie die deutsch-argentinische Handelskammer, der deutsche Club und die Bücherei des Goethe-Instituts. Nie hat er auf Gonis Anfragen geantwortet.

Der Schock blieb aus

«Ich hatte ursprünglich die Hoffnung, eine Art heilsamen Schock auszulösen», sagt Goni. Doch offenbar seien die Argentinier nicht willens, die eigene Vergangenheit ehrlich aufzuarbeiten und zwischen Gut und Böse einen klaren Trennstrich zu ziehen. «Wer mit Eichmann und Mengele zusammenlebte, der arrangiert sich auch mit einer Militärdiktatur», ist sein Fazit.



 


Der argentinische Präsident Juan Peron (Mitte) soll Kriegsverbrecher geschützt haben. (Keystone)


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